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12. Georgiens Hauptstadt im Fokus: Zwischen pulsierender Kulturszene und Visa Bürokratie

Aktualisiert: 6. Feb.

In Tiflis, Georgiens Hauptstadt ist viel los. Hier tummeln sich nicht nur viele bunte Bars und schöne Cafés, sondern auch eine große Kulturszene, die wir voller Eifer erkunden. Nur das „Formular-Wirr-Warr“ für unsere ersten Visaanträge auf der Reise hält uns davon ab, uns ganz im Party- und Kulturangebot zu verlieren.


Die Fabrika ein altes Fabrikgelände im neuen Glanz

Tiflis ist bunt, kulturreich, „partiing“ und politisch. Das merken wir schnell. Auch weil wir bei Patrick wirklich mitten im Geschehen wohnen. Wir können uns nicht erinnern schon einmal so zentral gewohnt zu haben. Wir merken ebenfalls schnell, dass es einen ganz einfachen Grund dafür gibt, dass Patrick so zentral wohnt: Er liebt es zu Feiern und neue Leute kennenzulernen. Selbst seine Wohnung erinnert eher an eine Kneipe, als an ein klassisches zu Hause. In der absolut belebten Erekle II Straße schieben sich die Touristen mehr als dass sie flanieren und wir sind mit unseren riesigen Rucksäcken mitten drin. Die Häuserfronten bestehen aus einladenden und gut duftenden Restaurants, in dessen Fenstern gelegentlich Livemusiker den Abend begleiten.


Wo soll hier unser Couchsurfing Gastgeber wohnen? Durch einen schmalen Topfpflanzenkorridor der zwei Bars trennt, kommen wir dann in das unscheinbare Haus, in dem Patrick wohnt. Den Korridor entlang in den Hinterhof finden wir von der Rückseite in seine recht düstere Wohnung. Es gibt kaum Fenster. Nur Patricks Schlafzimmer besitzt eines und das Bad. Das zentrale Element in der Wohnung ist nämlich die Theke. Der Thekenraum erfüllt zwar auch die Funktion einer Wohnküche, aber am häufigsten wird sie halt doch als Bar verwendet – Kochen tut Patrick nicht, er geht immer essen oder bestellt sich etwas. Gerne dient dieser Raum auch als zwar recht unkomfortables aber zweites Schlafzimmer, so wie jetzt gerade für uns. Ein paar weitere Einrichtungsgegenstände sind uns nach und nach recht befremdlich für einen jungen Mann ins Auge gefallen. Da gibt es noch eine herrschaftlich pompös anmutende, aber aus sehr billigem Material gebaute Vitrine, die mit bunten LED-Streifen verschönert wurde. Diese lösen sich gemeinsam mit dem schwarzen Hochglanz Furnier ab und geben den Blick auf den Pressspan-Kern frei. Ergänzt wird das Ensemble mit einem Kaminnachbau und einer schwarzen Ledercouch, die noch ausgesessener ist, als die meisten Couchen in den Jugendhäusern unserer Gegend. Es sollte wohl einmal ein edles Kamin-Whiskey-Zimmer darstellen.


Und dann gibt es da noch eine übergroße Dusche im Bad. Das besondere hier, sie hat zwei separate Duschköpfe und ist an den Wänden nicht gefliest, sondern komplett bis unter die Decke verspiegelt. Diese Dusche gibt uns eine Aussicht auf uns selbst, die wir bisher (glücklicherweise) noch nie hatten. Als Glück bezeichnen wir es dann auch, dass sie bei dem heißen Wasser schnell beschlägt und sich unser Ebenbild dann in einen verschwommenen Schleier hüllt. An dieser Stelle kann man sich sicher schon denken, was diese Räumlichkeiten zuvor einmal gewesen sind. „Ich find´s witzig und außerdem hat mir die Bar gefallen“ meint Patrick, als er auf die bisher noch nicht von uns gesichtete Rosentapete in seinem Schlafzimmer zeigt.


Und ja, die Theke steht ihm gut. Er begrüßt uns mit „Chacha“, einem hausgemachtem georgischen Brandy, eines Freundes. Patrick kommt gebürtig aus den USA, wohnt aber bereits seit fünf Jahren in Tiflis. Hier arbeitet er als Englischlehrer. Eigentlich wollte er nur ein paar Monate von hier arbeiten, doch dann kam Corona und er blieb, erzählt er beim zweiten Chacha, der das Nationalgetränk der Georgen darstellt.


Chacha-Cello in einer der schönen Bars von Tiflis, Georgiens Hauptstadt

Die „Schnapsintegration“ ist schonmal geglückt. Eigentlich schwört Patrick jedoch auf den ChachaCello, eine Mischung aus Chacha und Limoncello in seiner Lieblingskneipe, den und die auch wir schnell zu schätzen lernen. Nachdem wir in Armenien viel alleine unterwegs waren, freuen wir uns aufs gemeinsame Ausgehen in Tiflis. Das günstige Bier und die nicht endenden Schnapsrunden lassen uns schnell Kontakte schließen. Patrick ist hier bekannt wie ein bunter Hund und wir werden geradezu seine bunten Schatten.


Am Abend vergrößert sich mit den TeilnehmerInnen der Backseatrallye dann unsere Ausgehgruppe noch einmal. Eine kleine Gruppe aus Deutschen und NiederländerInnen ist von Istanbul nach Tiflis getrampt. Ihre Reise haben sie als kleines Rennen gestaltet und ihre Erfahrungen festgehalten und in Form einer Mini-Serie auf YouTube veröffentlicht. Mit ihrem Rennen haben sie Spenden für die Opfer des Erdbebens im Winter 2023 im Osten der Türkei gesammelt. Es ist total schön sich übers Trampen, die große Gastfreundschaft der TürkInnen und GeorgierInnen, aber auch über die Herausforderungen der Reiseart auszutauschen. Wir stellen nicht nur fest, dass wir (natürlich) unterschiedliche Erfahrungen machen, sondern dass auch Personen, die das gleiche erleben die Erlebnisse unterschiedlich wahrnehmen. Es ist vielleicht das gleiche aber nicht dasselbe Erlebnis.



„Visa-Wirr-Warr“

Unsere Reise durch Georgien ist in verschiedene Sequenzen eingeteilt, denn es geht mit den ersten Visaanträgen los und wir müssen in unterschiedlichen Abständen zurück nach Tiflis, um Termine in den Botschaften wahrzunehmen. Wir haben uns nun für unsere weitere Routenführung entschieden. Wir werden nicht durch den Iran Richtung Osten reisen, weil dieser für unser Vorhaben zur Sackgasse wird. Turkmenistan ist nur unter teuren und unsicheren Bedingungen zu durchqueren, über Afghanistan brauchen wir aktuell nicht sprechen und die Querung durch Pakistan mit Geleitschutz wollen wir nicht in Anspruch nehmen. Wir möchten niemanden in Gefahr bringen, dadurch dass er uns mit unserem unwichtigen Vorhaben einer Reise beschützen muss. Also bleibt aktuell noch der Transit durch Russland nach Kasachstan. Auch hierbei haben wir Bauchschmerzen, da der aktive Krieg gegen die Ukraine anhält und die diplomatischen Beziehungen zusehends schlechter werden. Allerdings ist die zurückzulegende Strecke in Russland mit ca. 700km verhältnismäßig kurz und wir können bzw. müssen die Strecke in drei Tagen zurücklegen. Aufgrund der aktuellen politischen Situation ist es aus dem Ausland für uns nur möglich ein dreitägiges Transitvisa zu bekommen, ein längeres Touristenvisa müssten wir in der russischen Botschaft in unserem Heimatland beantragen.


unser Alltag arbeiten in einem der vielen schönen Cafés in Tiflis Georgiens Hauptstadt

Außerdem haben wir Dank zufälliger Begegnungen auf dem Weg erfahren, dass es in Tiflis möglich sein soll ein China Visa zu beantragen und viel wichtiger auch zu bekommen. Eigentlich kann ein Visumsantrag für die chinesische Volkrepublik nur im Heimatland bzw. im Land des ständigen Wohnsitzes beantragt werden. Georgien scheint eine Ausnahme. Fragt uns nicht warum, aber hier ist es besonders einfach für Menschen, die sich rechtmäßig in Georgien aufhalten. Die chinesische Botschaft in Georgien stellt hier als eine der wenigen weltweit auch Touristenvisa für NichtgeorgierInnen aus. Andernfalls wäre es wirklich schwierig geworden, denn anders als erwartet und naheliegend kann in den Nachbarländern und zentralasiatischen Ländern kein Visum für China beantragt werden.


Durch die Coronapandemie, sowie die zunehmenden Kriegsgeschehnisse, hat sich einiges in den Visabeantragungen erschwert. Die meisten Informationsquellen sind veraltet. Wir fragen uns somit überall nach altbekannter Manier durch. Oft müssen wir dabei mit den vor Ort arbeitenden Menschen gemeinsam recherchieren, weil unsere Fragen zu spezifisch sind oder Informationen schon wieder veraltet. Wenn selbst die zuständigen AnsprechpartnerInnen uns keine verlässlichen Informationen zu kommen lassen können, macht es das Beantragen der Visa sehr müßig für uns.  Wir sind glücklich gerade noch rechtzeitig erfahren zu haben, dass wir uns in Tiflis um das China Visum kümmern sollten. Auch wenn wir uns aufgrund des weiteren Papierkrams, der nun auf uns einprasselt erstmal nicht sehr glücklich fühlen. Das Antragsgewirr ist für beide Visa groß.


Während beim China Visa die größte Herausforderung im detaillierten Ausfüllen des Visaantrags an sich besteht (detaillierter Reiseverlauf, Buchungen der Hotels und Züge plus präzise Angaben über uns und unsere Familien) ist der russische Visaantrag schnell ausgefüllt. Aber auch hier müssen wir, da es sich um ein Transitvisum handelt unsere Zug- und Busverbindungen nachweisen. Nachweisen bedeutet in dem Fall wirklich gekaufte Tickets vorweisen, auch wenn wir noch nicht wissen, ob die Einreise genehmigt wird. Durch die wirtschaftlichen Sanktionen gegenüber Russland haben wir jedoch keine Möglichkeit mit Kreditkarten oder Onlinezahlungen die herausgesuchten Verbindungen zu buchen. Die vielen Reisebüros in Tiflis bieten zwar unzählige Russlandreisen an, können aber auch keine Züge innerhalb Russlands für uns buchen, da sie das gleiche Problem haben und auf PartnerInnen aus Russland angewiesen sind. Wir benötigen somit jemanden mit einem russischen Bankkonto.


Vielleicht erinnert Ihr Euch an Victoria unsere super liebe Gastgeberin aus Thessaloniki. Wir haben uns jedenfalls an sie erinnert, als wir gedanklich unsere Bekannten mit russischen Wurzeln durchgegangen sind. Sie hilft uns und bucht wiederum über FreundInnen, die in Russland leben, die Tickets für uns. Die meisten können es sich wahrscheinlich vorstellen, es ist ein weiteres Unterfangen alle in unterschiedlichen Zeitzonen und Tagesabläufen gleichzeitig an den Computer zu bekommen. Wir müssen zusammen am Telefon sein, weil die Tickets schnell ausverkauft sind und wir dann gemeinsam schauen wollen, welche Verbindung wir alternativ buchen können. Außerdem ist die Strecke mit knapp 700km in drei Tagen zwar gut zu meistern, wir wollen aber möglichst viel Puffer einplanen, falls irgendwo eine Verzögerung entsteht und es mit den Anschlussverbindungen knapp werden könnte.

unser Alltag arbeiten in einem der vielen schönen Cafés in Tiflis Georgiens Hauptstadt

Die nächste Herausforderung ist alles so zu „timen“, dass wir für die Termine in den Botschaften unsere Reisepässe zurückhaben und trotzdem nicht zu viel Zeit verschenken, denn wir wollen ja schließlich auch noch etwas von Georgien sehen. In den Phasen, in denen unsere Visaanträge bearbeitet werden, wollen wir Tuschetien besuchen, dann zurück kommen nach Tiflis und in einer zweiten Phase ohne Reisepass in Swanetien wandern gehen.


Zum arbeiten und recherchieren ziehen wir uns übrigens meistens in eins der vielen schönen Cafés zurück, da Patricks Wohnung, wie oben beschrieben nicht die komfortabelste zum Arbeiten ist.

 

Chinesische Bürokratie trifft auf "georgisches laissez-faire"

Zuerst geht es aber zur chinesischen Botschaft: Alleine über die Beantragung könnten wir ein Buch schreiben. Wir brauchen neben den ausgefüllten Visaanträgen, auch Hotelbuchungen, Zugbuchungen, Busverbindungen und ein Einladungsschreiben. Schlussendlich haben wir alle Unterlagen zusammen, um unseren Antrag bei der Botschaft einzureichen.


Spät am Abend des Vortages gehen wir zu dem grau ummauerten Gebäude in einer recht ruhigen Seitenstraße der Stadt. Hier wollen wir uns in die sagenumwobene Liste eintragen, nach der am nächsten Morgen die Reihenfolge der AntragsstellerInnen festgelegt wird. Als wir dies in einigen Referenzen der Botschaft auf Google Maps gelesen haben, konnten wir es schon irgendwie nicht glauben, doch als wir nun davorstehen, ist es noch merkwürdiger. Weit neben dem Haupteingang der Botschaft befindet sich eine Metalltür in der Mauer. Sie schaut aus wie ein Notausgang des Gebäudes. Kein Schild, keine Infos, gar nichts. Daneben, im Schattenspiel der Straßenlaterne, eine schlecht aus einem Collegeblock herausgerissene Seite, in nicht nachvollziehbarer Art gefaltet und quer mit Tesafilm an die Mauer geklebt. Einen Stift gibt es nicht, dafür die Zahlen 1 bis 30. 6 Leute waren heute Abend bereits vor uns hier. Wir tragen vier Namen in die Liste und gehen Heim. Wir müssen noch unsere letzten Dokumente zusammenstellen und ausdrucken. Natürlich dauert alles wieder viel länger und in der Nacht hat kein Copy-Shop mehr geöffnet. Also stehen wir um 5:00 Uhr, nach 3 Stunden Schlaf vor der chinesischen Botschaft ohne Dokumente und mit dem crazy Optimismus, dass wir diese schon noch irgendwo vor 9 Uhr ausdrucken können.


China Visa beantragen mit den ProperPaupers aus Singapur

Glücklicherweise sind wir nicht alleine, denn über eine Whats-App-Gruppe für Reisende haben wir Gracia und Yee alias theproperpaupers aus Singapur kennengelernt. Die beiden möchten ihr Visum am selben Tag beantragen wie wir, hatten in der Gruppe ähnliche Fragen und so stehen wir schnell im Austausch. Sie radeln gerade von England mit ihrem Tandem nach Hause. Bei ihnen ist die Visabeantragung ähnlich chaotisch, da sie erst heute Morgen in Tiflis angekommen sind. Sie wollten mit dem Zug nach Tiflis fahren. Der Zug nahm aber trotz separater und schon gekaufter Fahrradtickets keine Fährräder mit. Die deutsche Bahn ist also tatsächlich doch noch zu unterbieten.


Wir haben ihre Namen deswegen gestern ebenfalls in die Liste eingetragen. Manchmal ist ein bisschen schummeln schon in Ordnung und ohne gegenseitige Hilfe ist manches einfach nicht so einfach möglich. Hoffentlich lesen, dass nicht meine SchülerInnen. Wir treffen uns also um 5:00 Uhr an der Botschaft, denn jetzt gilt es seinen Listenplatz zu verteidigen. Ja, korrekt „verteidigen“. Bis zur offiziellen Öffnungszeit von 09:00 Uhr kommen immer mehr Menschen, die ein Visa beantragen, einen neuen chinesischen Pass ausgestellt bekommen müssen oder ihre Kinder anmelden wollen. Von ArbeiterInnen über Studierende und Familien kommen hier immer mehr Menschen zusammen. Die ausgehängte Liste ist schon fast voll, als wir ankommen und schon eine kurze Zeit später mit den Nummern 56 und 57 auf der Rückseite fortgeführt. Die Stimmung heizt sich auf, manche streichen einfach auf der Liste vor ihnen stehende Personen durch. Ein Mann setzt sich noch vor der Nr. 1 oben auf die Liste. Kinder werden als Druckmittel und zur Untermauerung der Wichtigkeit des Termins genutzt.


Wir sind nervös bevor es in die chinesische Botschaft geht.

Hier übernehmen jetzt Gracia und Yee, halten uns den Rücken bzw. Listenplatz frei, während wir nach einer Druckmöglichkeit schauen, da wir unsere Dokumente immer noch nur in digitaler Form dabeihaben. Copy-Shops habe zu der Uhrzeit noch geschlossen und so fragen wir einfach an den Rezeptionen vierer Hotels nach. Im fünften ist nur ein Sicherheitsbeamter anzutreffen, der uns glücklicherweise nicht versteht. Sonst hätte er uns sicherlich weggeschickt. Er weckt für uns aber die Rezeptionisten, die in einem Nebenraum schläft. Unser schlechtes Gewissen ist kaum zu übertreffen, als sie uns mit den gleichen müden Augen wie unsere, absolut freundlich unsere Dokumente ausdruckt und sogar noch die Geduld aufbringt, diese uns in zwei Klarsichtfolien zu überreichen. Wir bedanken uns noch das zehnte Mal im Rückwärtsgehen, worüber sie sich sichtlich noch mehr freut, als über das Trinkgeld. Nun haben wir unsere Dokumente und Gracia und Yee haben Frühstück für alle besorgt. So macht warten doch fast Spaß und der Nervenkitzel legt sich langsam.


Das Spektakel beginnt...

Das eigentliche Spektakel beginnt dann aber erst ab 8 Uhr. Als wir in die Brote beißen beobachten wir, wie eine ältere Dame um die Sicherheitsbeamten am Haupteingang herumschleicht. Sie versucht es etwas diskreter, noch heute einen Listenplatz zu erhalten und steckt dem uniformierten Mann, der später für die Verteilung zuständig ist, schon mal ein Trinkgeld zu.


Und dann passiert es. Ein anderer Herr war schon vor uns am Morgen da, hielt sich aber durchweg in seinem warmen Geländewagen auf und beobachtete das Treiben von der anderen Straßenseite aus. Als er kurz vor 9:00 herüber kommt gibt der kantige Mann in Krokodilschuhen und mit Silberketten behangen allen Wartenden sehr deutlich auf Russisch zu verstehen, dass er der Erste hier war. Die Menge zeigt auf die Liste und er verliert die Fassung. Er schreit herum und bahnt sich rüpelhaft einen Weg durch die Menge zur Wand, an der das volle Papier hängt. Ein anderer Mann will ihn aufhalten, wird aber energiegeladen zur Seite gestoßen. Kurz darauf wird der Zettel von der Wand und in 2 Teile gerissen, ehe beide Hälften zu Boden sinken.


Die Nummer 4 auf der Liste versucht den Zettel zu flicken und hängt die nun sehr mitgenommenen Lappen wieder auf und um kurz nach 9 Uhr öffnet sich tatsächlich das unscheinbare Loch in der Wand. Der Sicherheitsbeamte verteilt handbeschriebene Papierschnipsel mit Zahlen. Die Traube der Menschen wird immer enger gedrängt. Der Beamte würdigt das verteidigte Papier keines Blickes und teilt die Nummern an die Leute aus, die am lautesten schreien, sich vordrängen und die er schon kennt. Hier müssen wir doch nochmal auf uns aufmerksam machen. Mit anderen Leuten zeigen wir auf die Liste und drücken sie ihm in die Hand. Die ausländischen Namen wurden erst noch einmal übersprungen. Dann haben wir endlich einen dieser Zettel in der Hand. Nummer 11 und 12 sind wir plötzlich, doch das ist uns völlig egal, wir haben einen Termin. Als wir dann in die Botschaft dürfen bin ich nervös.


Wir werden nach unserem Reiseverlauf gefragt, nach unserer politischen Einstellung, unseren Reiseabsichten und es wird uns sehr eindringlich geraten nur einen „Single Entry“ (einfachen Eintritt) zu beantragen. Wir beharren auf den „Double Entry“ (zweifachen Eintritt) auch auf die Gefahr hin abgelehnt und das ganze Prozedere nochmal durchlaufen zu müssen.


neue Passfotos für das chinesische Visa

Direkt können wir unseren Visaantrag nicht abgeben, unsere zuvor hochgeladenen Fotos sind wohl nicht vom System angenommen worden. Die Passfotos müssen biometrisch sein, das sind unsere auch, einen weißen Hintergrund haben, auch das trifft zu, aber Chris darf nicht seine Brille tragen und ich habe wohl eine Haarsträhne zu nah am Gesicht, das ist ebenfalls nicht erlaubt. Wir brauchen also neue Passfotos und sie müssen auf CD sein, sonst können sie nicht neu eingelesen werden. Es ist 10:18 Uhr. Wir haben bis 12:00 Uhr Zeit, dann schließt die Botschaft. Als wäre eine Herausforderung am Morgen nicht genug.


Bei Google Maps finden wir zum Glück einige Fotoläden in der Umgebung. Einen Drogerie-Markt mit Fotostand gibt es hier leider nicht. Wir laufen die ersten Fotoläden ab. Einer existiert nicht mehr, der nächste macht keine Passfotos, ein weiterer macht zwar welche aber verständlicherweise nicht mehr auf CD, einer offenbart sich als Minimarkt, zwei weitere haben noch geschlossen. Es ist 11:22 Uhr, der letzte Laden im erreichbaren Umfeld sollte schon seit einer halben Stunde geöffnet sein, aber die Rollläden sind auch hier unten. Das war es dann wohl. All die Arbeit, Zeit, Aufregung und Gebühren umsonst. Wir setzen uns auf der anderen Straßenseite unter einen Baum und könnten heulen.


Da nähert sich ein Mann dem Rolltor und zieht einen Schlüssel aus seiner Tasche. Der Fotograf hat verschlafen. Wir springen auf und überfallen ihn vor seinem Laden. Es sprudeln nur die Worte „Foto“, „CD“, „China Visa“ aus uns heraus und er weiß sofort die Worte zu deuten. Auch eine CD kann er ausstellen und jetzt können wir wirklich nicht mehr an uns halten. So stehen wir pünktlich um 11.51 Uhr wieder auf der Matte der Botschaft.


der wohlverdiente Kaffee nach dem Stress in der chinesischen Botschaft

Wir bekommen unser Abholzettel in die Hand gedrückt und gehen erstmal einen Kaffee trinken. Jetzt heißt es Daumendrücken, dass unsere freudenverheulten Fotos zumindest biometrisch sind.


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