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7. Wir reisen den Balkan herunter.

Wir machen unser ersten Tramper-Erfahrungen und testen die Grenztemperaturen unserer Schlafsäcke. Wir lernen, dass man sich nicht nur über kulturelle Gepflogenheiten informieren sollte, sondern auch intensiver über die Geschichte des Landes, wenn man nicht ständig in unangenehme Fettnäpfchen treten möchte. In Albanien treffen wir neue und alte FreundInnen und lassen uns von ihrer Tatkraft inspirieren.


Plitvicer Seen bei Regen im Frühling

Noch nie zuvor sind wir in unserer beider Leben getrampt. Wir haben es nicht einmal ausprobiert, bevor wir beschlossen, die ganze Welt in fremden Autos zu umrunden. Bisher haben wir auch die ersten 1.000 Kilometer in Bussen, Bahnen und Fähren zurücklegen können, doch nun ist der Moment gekommen, dass wir aufs Trampen umsteigen werden. Es ist ein aufregendes, unsicheres Gefühl. Nicht wirklich, weil wir Angst vor bösen Menschen haben, da verlassen wir uns schon auf unser Gespür. Vielmehr ist es, dass es uns ein wenig peinlich ist, fremde Menschen anzusprechen, ob sie uns mitnehmen würden. Naja, wir haben es uns so ausgesucht und kommen jetzt ja auch nicht weiter, wenn wir uns nicht trauen. Also auf geht´s, über den eigenen Schatten springen. Nach einigen Absagen finden wir unser erstes Tramper-Auto, ein Paar aus Luxemburg bringt uns nach Kranjska Gora. Eigentlich ist unser Plan bis nach Bled zu fahren, aber das ist schon mal die richtige Richtung. Hier stellen wir direkt fest, wie schön es ist, sich treiben zu lassen. Den Ort kennen wir bereits von unserer Radreise durch Slowenien. Dort angekommen, schauen wir jedoch nicht schlecht. Das verschlafene Örtchen aus 2018 ist nicht zu vergleichen mit der Partymeile, die sich uns heute bietet, denn in Planica ist Skifliegen angesagt. Das „größte Volksfest“ in Slowenien. Na und wir wären ja nicht wir, wenn wir nicht spontan umentscheiden und erstmal hierbleiben würden. Wir zelten an der Soca und können direkt überprüfen, ob unsere Schlafsäcke auch Minustemperaturen standhalten.

Leider machen wir auch mit dem öffentlichen Nahverkehr eine andere Erfahrung als bei unserem letzten Besuch - in der Nebensaison gibt es nämlich keinen Bus der ins schöne Soca Tal fährt. Erst ab Juni und dann auch nur einmal die Woche. Von Juli bis September dann täglich und danach das gleiche Retour. „Aber Sie können doch trampen“, rät uns die Dame in der Touristeninfo. Da müssen wir schon etwas schmunzeln, stellen wir uns gerade vor, dass uns in einer deutschen Touristeninfo zum Trampen geraten würde.

Mit einem guten Gefühl stehen wir an der Straße, denn wenn wie gesagt sogar die Touristeninfo trampen empfiehlt, sollte das hier kein Problem sein. Ist es auch nicht. Noch bevor Chris das Schild fertig geschrieben hat, wird uns schon Platz in einem Auto angeboten. Auch am Postkartenmotiv des Bleder Sees finden wir einen schönen Zeltplatz und übernachten auf einem kleinen Hügel im Wald mit Blick auf den See.

Sloweniens Fotomotiv Nummer eins_Bled

Wir müssen in Slowenien nie lange warten bis uns jemand mitnimmt und da Slowenien ein kleines Land ist, sind unsere ersten Strecken auch übersichtlich. Wir lernen aber auch schnell, dass das Gerücht wohl stimmt und Deutsche einen nicht mitnehmen. Auch nicht, wenn sie aus der direkten Nachbarschaft kommen, Platz haben und in die gleiche Richtung fahren. Auf einem kleinen Rastplatz sehen wir einen großen SUV mit Wohnwagen und Duisburger Nummernschild, den müssen wir ansprechen, denken wir. Chris unterhält sich auch gut mit dem Ehepaar, sie tauschen Geschichten über die Heimat aus und der Herr hat sogar einen Proberaum im „Drucki“, dem linken Zentrum Oberhausens. Was ein schönes zufälliges Treffen. Doch als wir dann fragen, ob sie uns wohl ein Stück mitnehmen würden kommt eine sehr klare Absage. Also reisen wir kurz darauf in einem kleinen alten VW-Polo und zu lauter Technomusik weiter in die Hauptstadt. Ljubljana die kleine und sehr gemütliche Landeshauptstadt Sloweniens hat uns vor fünf Jahren schon so gut gefallen. Zusammen mit Lilly unserer Gastgeberin erkunden wir neue Ecken und probieren unsere ersten Cevapi auf der Reise, ein erster Vorgeschmack auf die weiteren Balkanländer.

Ostern steht vor der Tür und wie das Leben manchmal spielt, werden wir Ostern wohl „im Kreise“ der Familie feiern. Chris Cousine Rebecca und ihr Freund Tim sind mit ihrem Wohnwagen an der kroatischen Küste und wir reisen ihnen hinterher. Mit unserem ersten Schild passiert uns dann auch direkt ein Fauxpas. Wir schauen bei Maps, wo wir hinwollen und schreiben „Adelsburg“ auf unsere Pappe. Wir wundern uns ein wenig, denken uns aber nichts weiter dabei. Wir werden dann aufgeklärt, dass der Ort Postojna heißt und Adelsburg die deutsche Version ist, die bei den Einheimischen (verständlicherweise) nicht sonderlich bekannt ist. Becci und Tim verfolgen uns per Google-Maps Live Standort und fiebern mit, denn wir haben behauptet, dass wir es bis zum Abend zu ihnen schaffen. Immer wenn wir uns bewegen wird der Grill vorbereitet, doch dann müssen sie enttäuscht feststellen, dass wir wieder nur 10 km weitergekommen sind. Es wird eine Tramper-Rallye mit Nervenkitzel, die wir am Ende verlieren. 20km vor unserem Ziel müssen wir aufgeben. Wir haben in so vielen Autos heute gesessen, die aber alle nur zum nächsten Dorf gefahren sind, es hat einfach nicht sollen sein. Dann ist es zu dunkel und wir suchen uns einen Zeltplatz nahe der Hauptstraße. Das Gute ist, wir sehen bereits das Meer und es ist nicht mehr weit. Und so gehen wir früh ins Bett, stehen früh auf und sind rechtzeitig zum Osterfrühstück am Campingplatz.

Was ein Wiedersehen. Zu Hause haben wir uns bestimmt schon ein Jahr nicht mehr getroffen und jetzt sehen wir uns hier in Kroatien, einfach schön. So schlürfen wir den ersten Kaffee am Morgen gemeinsam und quatschen über all das, was wir aus dem letzten Jahr aufholen müssen. Wir kochen, grillen, schwimmen, trinken so zwei bis zwanzig Bier zusammen und besichtigen die Plivicer Seen. Die drei Tage vergehen wie im Flug.

In Zagreb lassen die beiden uns auf ihrem Heimweg raus und so trennen sich unsere Wege. Schon stehen wir wieder an der Straße. Die kroatische Hauptstadt ist nett, aber für uns ehrlich gesagt auch nicht mehr. Unsere Unterkunft ist ebenfalls nicht die gemütlichste und so ziehen wir schnell weiter. Unser Aufenthalt wird sich trotzdem noch als Goldwert herausstellen, denn Luka unser Gastgeber ist ein Geschichtsnerd, der uns nicht ohne Geschichtsstunde ziehen lässt. Zuerst etwas überfordert, sind wir nachher sehr dankbar für seine Erklärungen, denn die Geschehnisse des Balkankrieges in den 90er Jahren haben tiefe Fuhren in die Gesellschaft geschlagen. Wir vermuten, dass das unteranderem auch einer der Gründe für den ausgelebten „Essens-Patriotismus“ ist. Wir müssen immer aufpassen, wie die Gerichte ausgesprochen werden, wo die Unterschiede bestehen und welche Cevapi / Cevape in rund oder eckig gerade die besten sind. Cevapcici, wie man sie bei uns nennt, hießen sie übrigens nirgendwo. Ehrlich gesagt sind die Cevapi für uns hier im Balkan überall köstlich und die Unterschiede nicht allzu groß, aber das sagen wir hier besser nicht laut.


In Bosnien hat der Bürgerkrieg die meisten Wunden hinterlassen. Ausnahmslos jede/jeder BosnierIn mit dem wir uns unterhalten sei es im Auto, in einem Café oder eine kurze Unterhaltung auf der Straße, erzählt uns von ihren Erlebnissen. Die Menschen sprachen dabei nicht mit Hass über die anderen Parteien. Aber sie sind immer noch fassungslos und zutiefst in Trauer, was Menschen einander antun können. Einen tieferen und leider auch zutiefst schockierenden Einblick in diese Zeit bekommen wir mit Mirza. Chris und er haben zusammen in der Dortmunder Nordstadt gearbeitet. Er kommt ursprünglich aus Banja Luka und floh als Jugendlicher in den 90er Jahren nach Deutschland. Mittlerweile ist Deutschland seine Heimat geworden und er möchte nicht mehr zurück, auch weil er hier an jeder Ecke an die schlimmen Gräueltaten erinnert wird. Nach langer Zeit hat die Familie jedoch ihre damals enteignete Wohnung zurück erhalten, die nun für regelmäßige Urlaube genutzt wird. Es ist zuweilen nicht immer leicht seinen Erlebnissen und die der NachbarInnen, Familien und FreundInnen zuzuhören, aber es ist das Mindeste, was wir machen können und müssen. Wir können uns nicht erinnern in unserer Schulzeit etwas über den Balkankrieg gelernt zu haben. Obwohl die Geschehnisse nicht weit entfernt sind, sowohl zeitlich als auch geografisch. Aber auch hier im Land ist der Krieg nicht aufgearbeitet. Wir werden auf unserer Reise noch zu schätzen lernen, welch gute Aufarbeitung über den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg (zumindest überwiegend) in Deutschland stattfindet. Wir werden im Balkan auch immer wieder auf Hitler angesprochen. Zu unserem Entsetzen jedoch überwiegend positiv. Hier wird er häufig als eine Heldenfigur gesehen, der sich patriotisch für sein Land eingesetzt hat. Da wir unsere Gegenüber nicht direkt vor die Köpfe stoßen wollen, ist es häufig gar nicht so einfach, die passenden erklärenden Worte zu finden. Uns wundert diese positive Einstellung, allerdings schon sehr, so hat Hitler und das nationalsozialistische Deutschland auch hier tausende Menschen in den Tod gerissen. 


Sarajevo die Stadt der zwei Welten. Sie veranschaulicht die Vielseitigkeit des Landes auf lebendige und bunte Art und Weise. Während wir in der Altstadt über Basare schlendern, Baklava probieren und den Geruch von fernen Gewürzen wahrnehmen, fühlt es sich ein paar Meter weiter an, als wären wir in einem Wiener Stadtviertel unterwegs. Die ausgeprägte Cafékultur verbindet die beiden Seiten und so gehen wir, auch aufgrund der schlechten Wetterlage, der bosnischen Lebensweise nach und ziehen von Café zu Café. Heute zieht die kulturelle Vielfalt, die auch wir sehr genießen, die Touristen an. Trotzdem ist auch hier der vergangene Krieg, unteranderem durch die vielen Einschusslöcher in den Fassaden, sehr präsent. Wir können nur hoffen, dass die Unterschiede und Vielseitigkeit des Landes in Zukunft nur noch als Bereicherung gesehen werden.

In Mostar bestaunen wir nicht nur die wirklich wunderschöne Brücke, sondern wohl auch die längste Tafel zum Fastenbrechen in Bosnien, eine schöne Atmosphäre.

Nach einem kurzen EU-Abstecher in Dubrovnik, geht es nach Montenegro. Hier ist der Euro zwar das Zahlungsmittel, aber das kleine Land gehört nicht zur EU und auch nicht zum Euroraum. Aber da sie nach dem Zerfall Jugoslawiens keine eigene Währung hatten, nutzen sie den Euro und das ist bis heute so geblieben. Kotor gefällt uns deutlich besser als das überlaufene Dubrovnik mit den vielen Kreuzfahrtschiffen. Ein richtiger Geheimtipp ist die Skybar über der Stadt mit Blick auf den Fjord, das Meer, die Berge und die mittelalterliche Stadt Kotor. Wir würden gerne noch so viel mehr in Montenegro entdecken, das kleine Land hat es uns angetan. Aber wir sind Anfang Mai in Griechenland verabredet und mit dem Trampen sind wir einfach nicht so schnell. Dafür erleben wir viel und können eigentlich jeden Tag eine neue Anekdote erzählen.

Skybar in Kotor, Montenegro

In Albanien haben wir eine tolle Zeit, aber vielleicht können wir das Land nicht ganz objektiv bewerten, da wir ganz viele neue und alte FreundInnen treffen. Es geht schon damit los, dass Fahri aus dem Kosovo uns 3 Stunden mitnimmt und extra einen Umweg fährt, um uns nach Skoder zu bringen,  wir zwei Kaffeestopps und ein Picknick auf dem Weg machen und wir uns bei einem dritten Kaffee herzlich verabschieden. In Skoder übernachten wir im noch nicht eröffneten „Traveller Hostel“, das Enes und Xhulio gerade renovieren und in wenigen Tagen eröffnen. Die Jungs sind super drauf. Wir trinken und spielen nicht nur zusammen, sondern die beiden inspirieren uns, sich selbst viel mehr zuzutrauen und seinen Ideen mit Motivation und Fleiß nachzugehen. Sie hinterlassen einen bleibenden Eindruck bei uns und wir freuen uns, dass wir mit Drohnen- und Fotoaufnahmen und handwerklichen Arbeiten ein bisschen helfen können. Am liebsten würden wir ja noch die Eröffnungsfeier mit planen und vor allem mitfeiern. Aber wie gesagt Griechenland ruft. Also geht es weiter Richtung Süden, zum nächsten Treffen.

Foodtour mit Kollegen in Tirana, Hauptstadt Albaniens

Martin ein Kollege aus Schruns kommt gebürtig aus Tirana und ist zufällig zur gleichen Zeit in der Stadt. In wenigen Tagen geht es für ihn nach Rom in die Patisserie Schule, doch ein paar Tage überschneiden sich unsere Anwesenheiten. Wir finden es total spannend, dass er jetzt nochmal die Schulbank drückt und etwas Neues lernt und dann noch in einem fremden Land. Martin ist gelernter Koch, den wir bei unserer Arbeit im Hotel in Österreich kennengelernt haben und da liegt natürlich nichts näher als eine ausgedehnte Foodtour durch die Stadt, die er wie seine Westentasche kennt. So entdecken wir Tirana mit dem Gaumen.

Abends landen wir im „Old Pub“ Martins Stammkneipe. Die „Kurzen“ sind hier die Lieblingsschnäpse der Stammgäste. Uns schmecken die Schnäpse „Martin“ (Zitronenvodka) und „Edu“ (Baileys mit braunen Kaffeelikör.), der nach einem von Martins Freunden benannt wurde. Man erkennt die Häufigkeit ihrer Besuche. Da wir genau mit den Beiden hier sind, müssen wir ihre Lieblingsschnäpse natürlich ausreichend testen und starten am nächsten Tag später und mit Kopfschmerzen in den Tag. Die Kopfschmerzen sind aber nach dem ersten Peja (unserem albanischen Lieblingsbier) auch schnell wieder verflogen.


Strand und Meer in Albanien

Von der Hauptstadt geht es ans Meer. Auch hier treffen wir auf alte Bekannte - Piet und Nina mit ihrer Katze Pusch. Die beiden haben wir in Campidarte, bei unser Kost- und Logisarbeit auf Sardinen kennengelernt und so haben wir gemeinsam den Spätsommer zusammen verbracht. Wir lauschen aneinander der Geschichten der vergangenen Monate. Während wir Ski fahren waren, haben sie in der Sonne in Griechenland überwintert. Als wir uns verabschieden, fahren wir jeweils in die Richtung aus der die anderen gerade gekommen sind. So können wir uns noch ein paar Empfehlungen mitgeben. Für sie geht es den Balkan rauf und für uns geht es entspannt runter in die griechische Sonne. Denken wir zumindest...

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