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21. Im Bann der Steppe: Wie die Mongolei uns fasziniert

Aktualisiert: 27. Juni

Die unendlichen Weiten faszinieren uns. Wir können stundenlang aus dem Fenster schauen, trotz oder gerade wegen der unendlich weiten Landschaft. Wir freuen uns jedes Mal, wie kleine Kinder, wenn Viehherden, Kamele, Yaks und Yurten am Horizont auftauchen. Trotzdem kosten uns die Entfernung Nerven, weil trampen nicht wirklich funktioniert, es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt und wir auf den Buckelpisten ordentlich durchgeschleudert werden. Aber wir schaffen es rechtzeitig zum Eagle-Hunter Festival und das entschädigt für so einiges.


buntes treiben auf dem Eagle-Hunter Festival in der Mongolei

Das „Golden Eagle Hunter Festival“ in Ulgii, Mongolei, ist mehr als nur ein Ereignis auf unserer Bucketlist; es ist ein wahrer Glücksfall. Vor einigen Wochen in Kasachstan hören wir zum ersten Mal davon, als wir zufällig ein Mülheimer Autokennzeichen an einem prächtigen alten Mercedes entdecken - eine unerwartete Begegnung im Niemandsland des Dreiländerecks: Kasachstan, Kirgisistan, China. Wir wollen unsere NachbarInnen am liebsten direkt ansprechen, aber so recht trauen wir uns nicht, also beschließen wir einen Zettel an die Windschutzscheibe zu pinnen. Aber wir werden gesichtet und kommen ins Gespräch. Die beiden kommen gerade aus der Mongolei. Sie haben einige Schauermärchen zu erzählen. Unter Anderem, dass die Pest zum Beispiel noch gar nicht ausgestorben ist. Aber sie berichten auch von unendlichen Weiten, sattgrünen Steppen und eben von dem bevorstehenden Herbstfestival und entfachen unsere Neugier.


Unendliche Weiten sind unendlich schön, aber auch (fast) unendlich anstregend

Auf die grünen Weiten müssen wir jedoch verzichten. Wir werden dafür von majestätischen weißen Weiten empfangen. Auf diese endlosen Blicke in der Mongolei haben wir uns lange gefreut. Wir beide wollten schon immer in die Mongolei, auch wenn wir nicht genau fassen können, wohin und warum genau. Aber so steht sie doch für Freiheit, Weite und Abenteuer. Es ist schon unglaublich wenn sich Täler über mehrere Kilometer Breite und mehrere hundert Kilometer Länge erstrecken. Und das nicht in felsig schroffen Bergen, wie wir sie bisher kannten, sondern in riesigen sanften Hügeln. Man entdeckt eine Bergspitze am anderen Ende des Tals und hält sich als Orientierung im Auge. Dann fährt man noch 2 Stunden auf sie zu, bis man tatsächlich das andere Ende des Tals erreicht. Uns wird uns bewusst, dass diese Landschaft auch unglaubliche Entfernungen bedeutet. Und da wir kaum andere Autos auf der Strecke gesehen haben, merken wir auch, dass wir mit Trampen hier schnell an die Grenzen des Möglichen stoßen werden.


Yurte auf dem Wagen-ein typisches Bild in der Mongolei

Ein erstes Gefühl dafür bekommen wir auf unserer Fahrt von Bulgan, das erste Dorf das wir nach der chinesischen Grenze erreichen, nach Ülgii, die Provinzhauptstadt. Mitnehmen wollte uns auch nach Stunden niemand. Die komplette Polizei des Dorfes hat sich um uns versammelt. Wir sind wieder mal eine seltene Spezies in einem entlegenen Teil der Welt, wo es sonst nie Touristen hin verschlägt. Sie lachen mit uns und sicher auch über uns. Nach einigen gemeinsamen Fotos und aufgezählten deutschen Fußballvereinen verschwinden sie so schnell, wie sie gekommen sind.



Zwei Autos hatten wir zuvor abgelehnt, weil sie plötzlich zum Taxi wurden. Allerdings merken wir an der Anzahl der vorbeifahrenden Autos, dass uns nicht viel Wahlmöglichkeit bleibt. Dann hält ein kleiner glänzender GAZ-Bulli. Die Fahrer hatten das Auto gerade im Ort erworben und bringen es nun in die Stadt, wo wir auch hinwollen. Auch sie wollen Geld, aber wir einigen uns auf einen fairen Preis. Für diese Fahrt werden wir 24 Stunden inklusive einer Notübernachtung brauchen. „Der Winter kommt dieses Jahr früh“, meint der kräftig großgewachsene Fahrer, als er seinen langen Pelzmantel weiter zu knöpft. Dieser reicht ihm bis an die Waden und da der Mann so groß ist, wirkt es schier endlos, bis er die unzähligen Knöpfe in der Mantelreihe geschlossen hat. Und so fahren wir in einem russischen Kleinbus durch eine weiße, fast unwirkliche Landschaft. 


russischer Bulli in den weißen Weiten der Mongolei

Unser Bulli fährt bei dem Wetter nicht schneller als 70km/h und meistens weniger. Es gibt keine Heizung und die Türen und Fenster ziehen. Also sitzen wir mit unseren dicken Jacken, Handschuhen, Mütze und Schal hinter den beschlagenen Scheiben, an denen eine verschneite Mondlandschft vorbeizieht. Als im September ein Schneesturm aufzieht und die eintretende Dunkelheit das Fahren auf der eisigen Straße nicht wirklich sicherer macht, verbringen wir die Nacht spontan in einer kleinen Raststätte. Diese sehr einfachen Hütten sind auf dieses Wetter vorbereitet. So gibt es immer eine Art quadratisches Sofa mit Fellen aller Art, auf denen übernachtet werden kann. Auf denen auch wir heute Nacht, nachdem wir noch ein paar Dumblings gegessen und Milchtee getrunken haben zusammen mit unseren Fahrern nächtigen. Wir werden noch häufiger in diesen Raststätten mit vielen Fremden Menschen eng aneinander schlafen. Aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das knisternde Holzfeuer lenkt beim Einschlafen ein wenig vom Pfeifen des Windes ab. Mit dem ersten Licht des Tages werden auch wir wach und so kommen wir nach einer kurzen Nacht rechtzeitig zum Eagle-Hunter-Festival in Ullgi an.



Ein unvergesslicher Geburtstag...

Wir fühlen uns wie in einen Abenteuerfilm versetzt. Die Landschaften und Menschen scheinen direkt dem National Geographic Magazin entsprungen. Die stolzen JägerInnen auf ihren Pferden und dem Adler an ihrer Seite, machen ordentlich Eindruck. Die Hintergrund-Kulisse mit einer verschneiten Steppe tut dann ihr Übriges. Zwischen FotografInnen von National Geographic, Filmcrews von Arte, einheimischen BesucherInnen und TouristInnen aus der ganzen Welt versuchen auch wir die besten Fotos zu machen. Motive sind für alle genug da. Nur die technische Ausstattung ist sehr unterschiedlich. So schaut Chris sehnsüchtig die Profi-Kameras mit langen Objektiven an. Aber die können wir weder bezahlen noch tragen. Hier spüren wir das Abenteuer in der Luft, die Magie der Mongolei und die Einzigartigkeit dieses Festivals.



Während die JägerInnen an uns vorbereiten und ihre Adler-Jäger-Künste vortragen, sitzen wir auf einem Felsen, beobachten das bunte Treiben und essen Kuchen, denn heute ist mein Geburtstag. Es könnte keine bessere Kulisse geben, nur besseren Kuchen. Da bin ich von den Backkünsten meiner Mama verwöhnt, die sonst an diesem Tag für mich nicht nur einen Kuchen vorbereitet. An diesen Geburtstag hier werde ich mich wohl mein Leben lang erinnern. Mal schauen, wo wir Chris Geburtstag feiern werden.



"Lost" im Norden der Mongolei

Unser nächstes Ziel liegt ganz im Norden der Mongolei, an der Grenze zu Russland. Wir haben über Couchsuchrfing einen Kontakt in Mörön aufgebaut und wir sind gespannt, weiter in das mongolische Leben einzutauchen. Wir denken, wir sind ganz clever und fahren nicht mit dem Bus 26 Stunden über Ulaanbataar, sondern nehmen den „kürzeren Weg“. Da wussten wir noch nicht, dass die Städte untereinander nicht vernetzt sind. Alle Provinzhauptstädte haben eine Busverbindung nach Ulaanbataar, aber nicht in die Nachbarhauptstadt. Würde in Deutschland bedeuten, dass man zum Beispiel von München nach Stuttgart über Berlin fahren müsste. Das Konzept trampen existiert nicht wirklich. Hinzukommen die ohnehin schlechten und leeren Straßen, denn die Mongolei ist das dünnbesiedelte Land der Welt. Um vielleicht eine Vorstellung zu bekommen, wie menschenleer es hier ist: Die Mongolei (1.564.000km2) ist flächenmäßig viermal so groß, wie Deutschland (357.127 km2), hat aber gerade mal so viele EinwohnerInnen, wie Berlin (3,5 Millionen). Von denen leben 1,5 Millionen in der Hauptstadt und der Rest im Land verteilt.


ein typisches mongolisches Klo

Zunächst klappt es noch ganz gut. Wir treffen auf nette FahrerInnen und übernachten bei einer sehr freundlichen Familie im Gästehaus, indem der 13-Järhige Abdullah alles regelt und deswegen gut Englisch spricht. Wir werden zum Tee und zum Abendessen eingeladen und so in die Familie aufgenommen. Gästehaus ist hier allerdings auch zu viel gesagt. Im einzigen Zimmer des Hauses, wo gekocht, geschlafen und verweilt wird haben wir einen mit einem Schrank abgeteilten Bereich. Die Familie schläft in der anderen Ecke des Raumes. Die Toilette ist in der Mongolei immer draußen am Rande der abgezäunten Grundstücke. Ein kleines wackeliges Holzhäuschen, bei dem die nächtlich klirrende Kälte die wenigste Überwindung bedeutet. Es war einfach und schön.


Dafür stranden wir am nächsten Tag eigentlich direkt zwei Mal. Zunächst in einem kleinen Dorf namens Nogoonuur. Es ist das letzte Dorf im Regionalbezirk Ulgi. Wir sind zwar bereits am Vormittag da, aber kein Auto fährt in unsere Richtung in den nächsten Bezirk. Busse gibt es natürlich nicht und selbst Taxis sind nicht vorhanden. Uns wird empfohlen zu wandern, die Strecke ist auch nicht das Problem, aber es muss ein kleiner Fluss überwunden werden, bei dem man auch „nur“ Knietief im Wasser steht, versichert man muss. Bei leichten Minusgraden nicht gerade der beste Plan, finden wir. Besonders nicht mit den schweren Rucksäcken und der Aussicht auf einer Nacht im Zelt. Wir finden dann noch eine (teure) Fahrt und stranden direkt im nächsten Ort, denn die Dämmerung hat bereits begonnen, da fährt kein Auto mehr in die nächste Stadt. Im Dorfladen fragen wir hoffnungsvoll nach einem Gästehaus. Natürlich gibt es keins, doch glücklicherweise lädt die Verkäuferin uns zu sich in ihr mongolisches Zuhause ein. Wir nehmen dankend an. Es ist total gemütlich in der vom Feuer gewärmten Familienyurte. Diese ist übriges überraschend gut ausgestattet: TV-Schrank, Einbauküche, Ausziehcouch - ein interessantes Bild. Die Kinder und NachbarInnen sind wie immer neugierig und begrüßen uns stolz mit den Worten, die sie auf Englisch kennen. Wir erwidern dies in der Regel mit Worten der Landessprache, doch mongolisch fällt uns äußerst schwer. Obwohl sie das kyrillische Alphabet nutzen, das wir mittlerweile lesen können, ist uns die Sprache ein Rätsel.


Familienyurte in der Mongolei

Später erfahren wir, dass die Sprache nichts mit russisch zu tun hat. Kyrill wurde eingeführt um die Kommunikation mit der verbündeten Sowjetunion zu erleichtern. Früher gab es eine eigene mongolische, sehr kunstvolle Schrift, die in der Mongolei jedoch nicht mehr gelehrnt wird. Dafür aber in der Inneren Mongolei in China. Ähnlich verhält es sich mit Kasachisch. In Kasachstan wird nur Russisch gesprochen und geschrieben. Aber im Westteil der Mongolei, wird kasachisch gesprochen und geschrieben. Wir hatten dort die Situation, dass wir den Google Übersetzer mit mongolisch genutzt haben und uns niemand verstanden hat, bis jemand sagte, wir sprechen kasachisch. Eine kleine Info am Rande: Der mongolische Übersetzer ist jedoch auch ziemlich mies. Wir vermuten, dass er zu wenig „gefüttert“ wird.


Schulaufführung in der Mongolei

Nach dem freundlichen „Hallo“ in der Familie geht es zur Dorfschule. „Da ist heute eine Aufführung“, sagt Ihr Mann der Geschichtslehrer und Dorfpolizist ist und heute auch auf der Bühne steht. Der Anlass ist für uns spannend, hier führen die Eltern der Schüler*innen als Dankeschön etwas für die Lehrkräfte auf. Das ist doch mal angesagte Elternarbeit, wobei die Aufführungen nicht alle Augenweiden sind und die meisten Tanzeinlagen genauso unkoordiniert, wie bei den Kindern. Bisher hatten wir kaum Zeit ins Gespräch zu kommen, das holen wir bei einem abendlichen Milchtee in der Yurte nach. Das Nationalgetränk ist übrigens nicht süß, sondern leicht salzig. Zuerst etwas ungewohnt, da die Erwartungshaltung eine andere war, schmeckt er uns immer besser. Dann schlafen wir das erste Mal in einer Yurte. Durch die geöffnete Spitze der Yurte sehen wir die Milchstraße leuchten, gelegentlich fliegt ein Satellit vorbei - sowas haben wir bei uns noch nie beobachtet.


Auch am Morgen werden wir sachte durch das hereinfallende Licht in der Yurte geweckt. Beim typischen mongolischen Frühstück (Milchtee, Butter und frittierte Brotkekse - also Kalorien nimmt man genügend zu sich), berichtet Katalina uns, dass sie ein Auto gefunden hat, dass uns mitnimmt. Die Familie fährt am Mittag los und so überbrücken wir die Wartezeit mit einem Spaziergang. Die unglaubliche Landschaft, die den Ort umgibt, konnten wir gestern gar nicht mehr wahrnehmen und so sind wir einfach glücklich als wir durch die herbstliche Landschaft streifen. Manchmal fügt sich dann doch alles zum Guten.

Der Nachbar möchte bereits etwas früher los und so werden wir von der jetzt befreundeten Dorfpolizei auf Motorrädern schnell aus dem Wald zurück zum Haus gebracht. Woher sie wussten, dass wir genau hier sind, wissen wir nicht. Der Abschied ist herzlich und wir sind dankbar für die Gastfreundschaft, die uns in diesem abgelegenen Teil der Welt begegnet ist. Wir setzen unsere Reise fort, angetrieben von den schönen Erinnerungen und der brennenden Neugier, was morgen auf uns wartet. Es scheinen viele Abenteuer in der Mongolei für uns zu sein.



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